Hallo,
Bernhard schrieb in einem anderen Thread:
Wein ist nur ein alkoholisches Getränk, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Manchmal bin ich versucht, dieser Aussage zuzustimmen. Aber eigentlich glaube ich fest, daß Wein doch mehr ist als nur ein alkoholisches Getränk.
Wein ermöglicht uns, eine Dimension unserer sinnlichen Wahrnehmung besonders intensiv und differenziert auszuleben. Dabei können vielfältige Verknüpfungen und Assoziationen entstehen - mit Landschaften, mit Menschen, mit Historie, ja sogar mit Musik (wie der entsprechende Thread beweist).
Wein hat in der Weltliteratur immer wieder eine wichtige Rolle gespielt. Auch in einigen Religionen besitzt er eine nicht zu unterschätzende symbolische Funktion.
Was bedeutet Wein für euch? Ich bin gespannt auf verschiedene Antworten!
Viele Grüße
Bernd
Hallo zusammen,
ich habe mich mal mit einer Französin im Medoc über Wein unterhalten, da mein Französisch mangelhaft ist (meine Lehrer meinten sogar ungenügend) haben wir uns auf deutsch unterhalten. "C´est ma passion", das wäre der Satz auf Französisch, der zu meiner Einstellung und Begeisterung für Wein passen würde, sagte sie mir. Das verstand ich. Wein ist für mich Leidenschaft, ein besonderes Lebensgefühl, es gibt nur ganz wenige Dinge im Leben, die meine Begeisterung so entfachen können wie Wein. Die Sinnesorgane werden gefordert, Emotionen entstehen und man kann dann herrlich subjektiv sein (und unvernünftig). Für mich der Gegensatz zu unserer rational denkenden Gesellschaft.
Schönen Abend noch
Ralf
Hallo Ralf,
in deiner Antwort, die auf die irrationale, "dionysische" Seite des Weines abzielt, sprichst du etwas aus, was ich persönlich als nicht naturwissenschaftlich orientierter Mensch sehr gut nachvollziehen kann.
Wie sieht es bei anderen, "nüchterner":lol: veranlagten Weinfreunden aus? Zählt bei ihnen "nur" die Lust am guten Geschmack, oder hat der Wein für sie eine gewisse "Meta"-Bedeutung - vielleicht gerade als Gegengewicht zur Rationalität und Sachlichkeit ihres sonstigen Denkens?
Viele Grüße
Bernd
Hallo Bernd!
Mit meiner Aussage bin ich ja ein Wiederholungstäter. Hier oder anderswo habe ich dafür ja schoneinmal einige nichtberufliche Weinfreaks (auch dich, glaube ich) vor den Kopf gestoßen.
Vielleicht liegt es ja daran, daß wir auf unterschiedlichen Seiten des Produktes Wein stehen: Du als Konsument und ich als (überwiegend, aber nicht nur) Produzent.
Ich lebe nicht nur vom Wein, sondern auch für den Wein. Ich liebe meine Weine fast so wie meine Kinder und wenn ich nicht gut drauf bin, fahre ich in einen Weingarten und erfreue mich an den Reben. Ich trinke (nicht nur den eigenen) Wein manchmal nebenbei, meist mit Aufmerksamkeit und manchmal zelebriere ich ihn auch richtiggehend.
Aber wenn ich erlebe, welches Tamtam manchmal (auch von Winzern) um den Wein veranstaltet wird bleibt mir nur ein müdes Kopfschütteln und der Ruf "Es ist nur ein alkoholisches Getränk", den man mit einem Zitat des Bonny-Doon-Gründers noch weiter zuspitzen könnte: "Wein ist ein Produkt des kontrollierten Verderbens von Trauben" (oder so ähnlich).
Solche Momente sind zum Beispiel
wenn zwischen erwachsenen, durchaus gebildeten Menschen kein anderes Gesprächsthema als Wein möglich ist.
wenn es jemandem nicht gelingt, bei einem geselligen Beisammensein den Reflex zu unterdrücken, dem Kleingedruckten auf dem Etikett auf den Grund zu gehen und ungefragt eine Wein-Expertise abzugeben.
wenn jemand Wein nicht kauft, um ihn zu genießen, sondern, einfach um ihn zu besitzen.
wenn jemand Wein kauft, der ihm nicht schmeckt, aber der gut bewertet oder superteuer ist.
wenn jemand geschmackliche Dinge in den Wein legt, die einfach nicht drin sind. Bei aller Wertschätzung für den Begriff "Terroir", sosehr er von vielen Winzern marketingmäßig überstrapaziert wird, wird er auch von Weinfreaks manchmal überbewertet.
wenn jemand Weine, die einfach mittelklassig und etwas rustikal sind zu "wahren" Weinen hochstilisiert und allen, die das nicht nachvollziehen wollen atestiert, sie hätten den Wein einfach nicht verstanden.
wenn jemand einen (auch möglicherweise sehr guten) Wein, der letztlich simpel "gemacht" wurde in philosophische und "terroiristische" Höhen hebt, in die er einfach nicht hingehört.
wenn jemand Kulturkämpfe und Glaubenskriege um mehr oder weniger nebensächliche Aspekte der Weinherstellung entfacht.
wenn jemand stolz berichtet, er habe nach langem Bitten und Betteln doch noch eine Flasche vom Wein xy kaufen DÜRFEN. Und vielleicht auch noch, um überhaupt soweit zu kommen zusätzlich einige andere Weine, die ihn gar nicht interessieren kaufen MÜSSEN.
und schließlich, wenn jemand als Hobby zu nachtschalfender Stunde endlos lange Forumsbeiträge in die Tastatur klopft.
Grüße von
Bernhard,
der sich nicht gedacht hätte, daß es so weit kommen wird, daß er Kroatien gegen seinen WM-Favoriten Brasilien die Daumen hält. Aber bei dem Spiel...
Hallo,
Jürgen, dein Statement ist knapp, scharf und bündig formuliert. Gefällt mir gut (gerade weil es nicht mein Stil ist)!
Bernhard, nicht böse sein, wenn ich auf deine Zeilen ziemlich detailliert eingehe:
Aber wenn ich erlebe, welches Tamtam manchmal (auch von Winzern) um den Wein veranstaltet wird bleibt mir nur ein müdes Kopfschütteln und der Ruf "Es ist nur ein alkoholisches Getränk", den man mit einem Zitat des Bonny-Doon-Gründers noch weiter zuspitzen könnte: "Wein ist ein Produkt des kontrollierten Verderbens von Trauben" (oder so ähnlich).
Das kann ich verstehen. Ich habe ja schon in meinem Eingangsposting geschrieben, daß ich manchmal versucht bin, in deinen Ruf einzustimmen.
Andererseits kratzt der Satz "Wein ist nur ein alkoholisches Getränk" an deinen eigenen Grundlagen. Wenn es so einfach wäre, könnten wir uns alle bequem in den Discountern eindecken (da gibt es ja bekanntlich leckere Eisweine für kleines Geld

), anstatt zum teureren Kurs beim Winzer zu kaufen
...wenn zwischen erwachsenen, durchaus gebildeten Menschen kein anderes Gesprächsthema als Wein möglich ist.
Zustimmung, wobei ich mir diesen Schuh ausnahmsweise

nicht selber anziehe, da ich durchaus auch noch andere Interessen als Wein habe.
...wenn es jemandem nicht gelingt, bei einem geselligen Beisammensein den Reflex zu unterdrücken, dem Kleingedruckten auf dem Etikett auf den Grund zu gehen und ungefragt eine Wein-Expertise abzugeben.
Jein...solche Reflexe sind halt menschlich....
...wenn jemand Wein nicht kauft, um ihn zu genießen, sondern, einfach um ihn zu besitzen.
Nie waren wir näher beieinander!



...wenn jemand Wein kauft, der ihm nicht schmeckt, aber der gut bewertet oder superteuer ist.
Klar, keine Frage!
...wenn jemand geschmackliche Dinge in den Wein legt, die einfach nicht drin sind. Bei aller Wertschätzung für den Begriff "Terroir", sosehr er von vielen Winzern marketingmäßig überstrapaziert wird, wird er auch von Weinfreaks manchmal überbewertet
Zustimmung zum zweiten Satz. Mit dem ersten habe ich leichte Schwierigkeiten. Wer entscheidet letztlich, welche geschmacklichen Dinge im Wein liegen und welche nicht?
...wenn jemand Weine, die einfach mittelklassig und etwas rustikal sind zu "wahren" Weinen hochstilisiert und allen, die das nicht nachvollziehen wollen attestiert, sie hätten den Wein einfach nicht verstanden.
Auch hier sehe ich zunächst einen eher subjektiven Ansatz. Welche Weine genau sind "objektiv" mittelklassig?
Generell glaube ich aber, daß ich deine Aussage verstehe.
...wenn jemand Kulturkämpfe und Glaubenskriege um mehr oder weniger nebensächliche Aspekte der Weinherstellung entfacht.
Naja, das, was du für nebensächlich hältst, halten andere, ebenfalls ernstzunehmende Winzer unter Umständen für sehr wichtig (was auch mit den jeweiligen Gegebenheiten des Anbaugebiets, den Rebsorten und der lokalen Stilistik zusammenhängen mag). Das böse Wort, welches mit S anfängt und mit g aufhört, nehme ich jetzt aber nicht in den Mund....
....wenn jemand stolz berichtet, er habe nach langem Bitten und Betteln doch noch eine Flasche vom Wein xy kaufen DÜRFEN. Und vielleicht auch noch, um überhaupt soweit zu kommen zusätzlich einige andere Weine, die ihn gar nicht interessieren kaufen MÜSSEN.
Hier sind wir dann wieder ein Herz und eine Seele

!
...und schließlich, wenn jemand als Hobby zu nachtschlafender Stunde endlos lange Forumsbeiträge in die Tastatur klopft.
Gnade! Jetzt hast du mich mit der vollen Breitseite erwischt! *rotwerd*
Herzliche Grüße
Bernd
Ja, eine schöne Frage und als glühender Anhänger trutzig-einfacher Wort hier mein persönliches Statement:
* Wein spricht den klassischen männlichen Jäger und Sammler Instinkt an. Diverse Weinhänder/Weingüter abklappern, nur weil man irgendwo etwas darüber interssantes aufgeschnappt hat, entspricht genau diesem Instinkt. Das ist heute wieder einmal passiert mit einem Restaurant/Weinhandel in Köln-Süd, die viele wagramer Weine führen. Ich liebe sowas.
* Wein ermöglicht kurzzeitiges virtuelles "auf-die-Reise-gehen". Ich fühle mich im Moment des Genusses sehr mit der Erzeigeregion verbunden. Wenn ich dann mal wirklich dort vor Ort sein sollte (was selten passiert) dann kann ich es meist kaum fassen.
* Entspannung vom Tage / Belohnung für den vollbrachten Tag. Machen wir uns nix vor - da spielt der Alkohol an sich ein grosse Rolle - Wein hin oder her. Wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein

Möge die Leber mit Dir sein ...
* Wein schmecken. Momentan schaffts bei mir nur der Grüne Veltliner mich in äusserste Verzückung zu bringen, selten auch ein deutscher bzw. badischer Spätburgunder. Aber immerhin etwas.
*Wein fördert die Kommunikation. Foren zu lesen und dort gelegentlich zu schreiben, auf Winzerseiten zu surfen, auf Messen herumzulaufen macht unglaublich viel Spass. Dabei habe ich bisher noch kein Forumstreffen mitgemacht. Die zweite Stufe düfte also bald gezündet werden.
Gruss und gute Nacht.
jkl schrieb:Wein ist für mich nicht nur ein alkoholisches Getränk, sondern Genuss, Lebensart, Sammelleidenschaft.
Alkohol meide ich außer im Wein zu 99,99 %. Mit irgendwelchen Partygetränken kann man mich mittlerweile jagen. Radler gibt's sehr selten, wenn dann mal ein Russ. Alkohol muß nicht sein - Wein ist Genuss. Wein ohne Alkohol bei gleichem Geschmack wäre das Nonplusultra 

Jürgen
Hallo zusammen,
ich bin da komplett auf Jürgens Linie und könnte auf den Faktor Alkohol auch liebend gern verzichten.
Eine "metaphysische Ebene" im Sinne von über diese Welt hinausgehenden Werten hat Wein für mich nicht. Er ist für mich auch kein Kunstobjekt.
Er ist für mich allerdings in der Lage, einen Eindruck von der Region zu und/oder dem Winzer zu erzeugen, von dem er stammt. Man kann diese Eindrücke natürlich z.B. mit Musik verknüpfen, wenn man bei dieser ähnliche Assoziationen hat.
Dies natürlich nur, wenn der Wein nicht völlig internationalisiert daherkommt. Das ist auch ein Grund, warum mir diese gleichförmigen Tropfen nicht schmecken. Alle weitergehenden Assoziationen gehen verloren.
Die Kommunikation mit Weinfreunden und die Diskussion über unterschiedliche oder identische Eindrücke ist für mich beim Weintrinken essentiell, da sie auch das Gegenüber besser kennenlernen lässt.
Daher trinke ich Wein auch nie allein, mindestens meine Frau muss dabei sein.
Viele Grüße,
Darius
"Nur ein alkoholisches Getränk" möchte ich Wein nicht nennen, auch wenn ich durchaus glaube, dass der innewohnende Alkohol schon seine Wichtigkeit hat! Gerade in kommunikativer, zwischenmenschlicher Hinsicht ist dieser nicht ganz unbeteiligt!
Am wichtigsten ist mir der Wein aber in Kombination mit einem guten Essen und anderen Menschen, da ich einmal im Jahr versuche auf Alkohol für einen bestimmten Zeitraum zu verzichten, fällt es mir gerade dann immer sehr auf, wie unvollständig ein gutes Essen ohne den begleitenden Wein ist!
Dass sich erwachsene, gebildete Menschen einen Abend nur über Wein unterhalten (können) finde ich nicht so schlecht oder schlimm, mit manchen Menschen verbindet mich wirklich nicht mehr als die Freude am Wein, warum sollten wir dann über Themen reden, die einem von beiden entweder gar nicht interessieren oder wo man einfach komplett konträrer Meinung ist?
Dass einen gelegentlich die Jäger- und Sammlerleidenschaft überkommt und man einen Wein haben MUSS, kann mal vorkommen, sehe ich nicht als einen Fehler an, da kann schon mal mehr Geld als geplant draufgehen, dass ich etwas mit kaufe was ich nicht will, kam noch nicht vor. Liegt aber vielleicht auch an fehlender Leidenschaft für "Moden" bei mir im Allgemeinen, ein kollektiver Hype löst bei mir eher den Reflex einer oppositionellen Meinung hervor als den Willen dabei sein zu wollen. (Was ich charakterlich nicht für besser halte!)
Was mich am Wein aber am meisten begeistert sind die Menschen, die ich über den Wein kennengelernt habe, oder zwischenmenschliche Momente, die sich mit Winzern und Weinfreunden ergeben haben. Allein wenn ich an den Nachmittag bei Johann Ruck vor einigen Tagen denke, das war wieder einmal eine faszinierende Begegnung mit einem positiv weinverrückten Menschen! Solche Begegnungen gäbe sicher weniger, würde ich mich statt für Wein für Brieftauben interessieren! Wein spricht einfach viele&alle Sinne an, das unterscheidet ihn von vielen anderen Hobbies, er hat eine metaphysische Ebene (ist halt eine Droge

) und die intellektuelle kann Wein auch ansprechen. Deshalb gibt es für mich wenige andere Dinge, die mich so begeisern können wie Wein!
Und den reinen hedonistischen Genuss kann er auch bieten

!
Wein ist für mich schon mehr als nur ein alkoholisches Getränk. Sonst würde ich hier nicht mitschreiben.
Aber manchmal sollten wir uns alle (ich nehme mich da selbst nicht aus), etwas zurückbesinnen und uns klar machen, was es für eine Nebensache ist, die wir manchmal ideologisch überhöhen.
Hallo,
für mich ist Wein nur ein Getränk.
Aber Wein gehört auch zu den Kulturleistungen der Menschheit im Bereich der Nahrungsmittel, wie Bier, Brot uvm. Im Gegensatz zu beispielsweise Bier kann Wein für mich allerdings eine Qualität erreichen, die ich als "wohlschmeckend" bezeichnen möchte.
Wein ist für mich also ein Kulturgetränk, was gut (= angenehm, lecker,.....) schmecken kann.
Wenn ich aber die Wahl hätte, entweder auf Wein oder z.B. Torten und Kuchen zu verzichten, würde ich ohne nachzudenken auf den Wein verzichten
Eine Konzentration der Lebenseinstellung auf Wein erscheint mir persönlich wenig nutzbringend, der Wein wird dann zum Fetisch, was ich als begrenzend empfände. Eine solche Begrenzung ist bei (vorzugsweise männlichen) homo sapiens sapiens überraschend oft anzutreffen, die mit fortschreitendem Alter wie besessen irgendetwas (und seien es Modellflugzeuge....) zu ihrem Lebensmittelpunkt machen und darüber alles andere mehr und mehr ignorieren.
Leider bin ich kein Psychologe, die Ursache für dieses eigenartige Verhalten wüßte ich gern.
Gruß
Andreas