06.04.2006, 11:16
Hallo Australien-Fans,
wie einige von euch wissen und in diversen Verkostungen eindrucksvoll erfahren durften, kann Australien alles andere als fett, marmeladig oder mainstreamig sein. Im Gegenteil: die großen Weine sind ausdrucksstark, verfügen über eine eigene Persönlichkeit und bescheren dem geneigten Weinfreund unvergesslichen Genuss für nicht selten vergleichsweise (!) zivile Preise. Klar, die Unikate wie der Grange, Astralis & Co sind nicht nur interntaional Spitze bei der Qulaität, sondern auch beim Preis, wenn auch meines Erachtens zurecht aus berufenem Munde darauf hingewiesen wird, dass vergleichbare Qualitäten mit Kultstatus beispielsweise aus dem Bordeaux, Burgund oder sonstwo noch höhere Preise erzielen, nicht wahr freak?
Doch hier soll es auch und gerade um Weine aus dem unteren und mittleren Preissegment gehen. Hier gibt es unzählige Namen, die für wenig Geld viel Trinkspaß bieten, wie kürzlich wieder in meiner "Down Anders-Probe" gesehen. Da gab es eine Reihe von Weinen, die ohne Probleme auf einen Rundendurchschnitt von 90+ kommen im Preisbereich von 10-20€. Auch hierzu soll dieser Thread animieren.
Um den Anfang zu machen, stelle ich das Protokoll einer kürzlich von mir durchgeführten Verkostung in Mainz sowie iner Verkostung in Wiesbaden, die Klaus und ich ausgreichtet haben. Viel Spaß beim Lesen.
Rhein-Main-Stammtisch: Thema Australien stars light
Mit einigen australischen „Granaten“ haben wir am Freitag Abend in einer äußerst angenehmen, in dieser Konstellation bisher einmaligen Gruppe (wein+-Stammtischler und Tawler gemeinsam) dem Winter ein Schnäppchen geschlagen und ihn mit einigen „Raketen“ endgültig vertrieben. Der kalten Jahreszeit zum Trotz konnten wir uns an einige herausragende Weine mit verschwenderischen Bouquets mit reifer Frucht, viel Würze, phänomenaler Dichte und Konzentration bei gleichzeitiger Harmonie und nicht selten Eleganz erwärmen und erfreuen.
Da viele Aussie-Weine unfiltriert abgefüllt werden, wurden alle Weine 3 Tage vor der Probe aufrecht gestellt und am Tag der Probe zwischen 16-17.30 Uhr doppelt dekantiert. Außer den beiden Rieslingen wurden alle Weine blind verkostet und nach jedem Flight aufgedeckt. Vorgesehen waren 8 Zweier-Flights mit unterschiedlichen Rebsorten und Blends. Ein Wein wurde aus gutem Grund „stand alone“ verkostet.
Es zeigte sich, dass Australier auch mit weniger Budget zu großen Taten schreiten und auch aus der zweiten und dritten Reihe großen Genuss bieten können.
Und hier die Ergebnisse einer Verkostung, die bei einigen Australien-Neulingen für große Überraschungen und Freude gesorgt hat.
Flight 0: Rieslinge im Vergleich
Stilistik und Alterungsfähigkeit von australischen Rieslingen kennenlernen
[b]1. Grosset, Polish Hill, 2001 Clare Valley - 94 P (Australian Wine companion, James Halliday)
Jeremy Oliver, Australian Wine Annual 96 P[/b]
2. Peter Lehmann, Reserve Riesling, 1997, Eden Valley - 95 P, The Australian Wine Annual, Jeremy Oliver; James Halliday 95 P; “Best Riesling of the World”, International wine and spirit competition 2002, London
Mit den beiden Rieslingen taten sich einige doch ziemlich schwer, ist es doch eine Stilistik, die hierzulande offenbar wenig Freunde unter den Rieslings-Fans findet. Die Weine schmecken komplett durchgegoren (kein Zuckerschwänzchen), mit ziemlicher straffer Struktur, dicht, mit viel Zitrusfrüchten und eine aus meiner Sicht gewaltigen, „steinigen“ Mineralität. Es sind eher Essensweine, die als „stand alone“ herausfordern und den Gaumen bei soviel „trockenem Zitrus und Grapefruit“ auch anstrengen können. Vor Ort habe ich diese Weine vor allem als Begleiter von Meeresfrüchten zu schätzen gelernt.
Da es in erster Linie ums Kennenlernen dieser Stilistik ging, beschränke ich mich auf die Angabe der divergierenden Wertungen zwischen 81-92P.
Ich sah den Polish Hill bei 91 und den 1997er Reserve von Peter Lehmann bei 92 P. Eine gute VKN zum Polish Hill ist beim weinreporter zu finden.
Flight 1: Merlot im Vergleich
3. Southern Ridge, Merlot 2001
Der als einfacher, Spaß machender Tischwein gedachte Merlot, obgleich anfangs noch etwas zu, hatte im Glas deutlich geschwächelt und ging vollends ein – Keine Wertung, für einige bei 85 P.
4. Pikes, Merlot Reserve, 1998
Schöner Merlot, der genau auf dem Punkt war. Erinnerte ein wenig an Pomerol, sehr kühl, dunkle Aromen, erdig, etwas Brombeere. Weich im Ansatz, fast schon etwas seidig mit guter Tiefe und Struktur. Jetzt schön zu trinken, dürfte sich wegen der durchaus festen Tanninstruktur noch eine Weile auf diesem Niveau halten
Spanne: 84-92P Rundendurchschnitt: 88.5P. Von mir: 90P
Flight 3: Cabernet Sauvignon reinsortig und als bordelaiser blend im Vergleich
5. Orlando, Cabernet Sauvignon Reserve “St. Hugo”, Connavarra, 2001
90 P Jeremy Oliver
Gute Rebsortentypizität, als Cabernet gut erkennbar mit schöner Cassis-Note, würzig am Gaumen mit Tabak, etwas Ziggarenkiste, mittlerer Körper, alles schon recht gut eingebunden, befindet sich dennoch vermutlich erst am Anfang seiner Trinkreife; für viele als klassischer Australier nicht erkennbar. Sollte zeigen, dass auch die Weinimperien (u.a. bekannt durch die Jacobs Creek-Linie) im gehobenen Bereich "anspruchsvollere" Weine machen können.
Spanne: 84-90 Rundendurchschnitt: 87,5 P. Von mir: 89P
6. Warrenmang, Cabernet Sauvignon, Victoria, Pyrennes, 2000
Zunächst dichte Nase mit viel roten und schwarzen Beeren, danach machte sich ein leichter Muffton bemerkbar, der sich zunehmend verstärkte; andere wiederum fanden ihn OK, dann aber insgesamt doch ziemlich einheitlich nicht gewertet.
7. Xanadu, Lagan Estate Reserve, Margaret River, 1998 - 89P Wine Enthusiast
Gegenüber dem d’Arenberg für mich recht klar als Bordeaux-Blend erkennbar. In der Nase zurückhaltender Duft nach roten Beeren (in der Nachverkostung Kirschlikör), Cassis, ätherischen Noten, etwas Eukalyptus, Veilchen, Minze (Einige assoziierten After-Eight) und mit einer ganz leichten Leder- und Animal-Note. Ganz und gar nicht australisch wirkend. Könnte ich mir gut als Bordeaux-Pirat vorstellen. Am Gaumen recht kühl wirkend, kernig, solide, auch erdige Noten, noch etwas straffe Säure, wirkt dadurch noch frisch und jung. Braucht noch Zeit.
Spanne: 87-92. Rundendurchschnitt: 88.7 P . Von mir 90+ P
8.d’Arenberg, The Coppemine Road, 1997 McLaren Vale, 92PP, 90 Jeremy Oliver
Intensive, komplexe Nase nach reifem Cassis, leicht eingekochte Schwarzbeeren, Eukalyptus, auch leicht erdig-würzige Noten. Am Gaumen dicht, tief, kühl wirkend mit ätherischen Noten, fester, schon gut eingebundener Tanninstruktur, knackiger Säure; gute Länge mit leichten Medizinal-Noten. Trotz kühler Noten eher „warmer Aussie-Style-Typ“, der noch zulegen kann. Schöner Kontrast zu dem deutlich kernigeren, "cool climate" Lagan Estate von Xanadu.
Beide Weine passten hervorragend zum Rumsteak.
Spanne: 89-94P, von mir 92P, Rundendurchschnitt: 91.7
Flight 4: Grenache und seine Blends
Diese klassische Rhone-Blends sind gerade im Barossa sehr beliebt. Sie ergeben oft sehr pfeffrig-würzige Weine mit Himbeer- und Kräuternuancen ("very spicy" ist ein oft zu lesendes Attribut in den australischen Weinführern).
Hier ging es zum einen um das kennenlernen der “australischen Variante“ sowie das Erkennen des Pirats aus dem C9duPape. Um es vorweg zu nehmen: außer den beiden Eingeweihten hat niemand den Pirat als solchen erkannt. Ein Südfrankreich-Spezialist war der festen Überzeugung, dass Torbrecks Juveniles der Pirat und der Domaine de la Charbonnière ganz klar “australisch“ sei. Kein Wunder, gehört doch Torbreck zur Spitze des australischen Weinbaus mit seinen bis zu 150 Jahre alten unbewässerten (wurzelechten)Reben („old dry vines“) und mit Charles Melton zu den Pionieren des Barossian “Rhone-Style“ (sein regelmäßiger 99-100PP-Kandidat „Run Rig“ besteht aus Shiraz und Viognier)
9. Pikes, Grenache/Shiraz/Mourvedre 2000, Clare Valley
Komplexe Nase nach Himbeeren, Kirschen und etwas Kräuter. Am Gaumen würzig, rotbeerig, eher elegant, mittlerer Köper, körnige Tanninstruktur, sehr ausbalanciert, macht ungemein Spaß. Für 10-15€ ein anspruchsvoller Every-Day-Wine.
Spanne: 86-93P. Rundendurchschnitt: 90P. Von mir 90P
10. Fox Creek, Grenache/Shiraz, 1999 McLaren Vale
Hier habe ich mir kaum Notizen gemacht, außer, dass ich ihn schweinlecker, total elegant, subtil und trotz aller Dichte sehr kühl in Erinnerung habe. War ein schöner Kontrast zu dem eher expressiven, frucht- und Würzbetonteren Vorgänger. Der erste Fox Creek-Wein, der mir bisher auf den Punkt begegnet ist, alles andere war idR noch zu jung und/oder brauchte mehr Luft. Mehr dazu weiter unten.
Spanne: 88-95 Rundendurschnitt: 91.5 Von mir 92P
11. Torbreck, Juveniles (Grenache/Shiraz/Mourvedre), 2001, Barossa Valley
Torbreck wie immer eine Bank. Nur einer sah in deutlich niedriger als der Durchschnitt, daher die große Spanne. Für mich gehört Torbreck zu den besten Winzern, die ich vor Ort aufgesucht habe. Seine handwerklich gemachten Weine bestechen durch phänomenale Dichte, sind tief strukturiert, sehr ausgewogen, komplex in der Nase sowie am Gaumen. Sie sind mächtig und dennoch nuanciert und bringen viel Persönlichkeit ins Glas. David Powell, ein Bär von Mensch und ehemaliger Lumberjack in den schottischen Bergen, hat in verschiedenen Chateaux in Frankreich und in der Toscana Erfahrungen gesammelt. Sein 2001er und 2002er Run Rig waren für mich so ziemlich das non-plus-ultra, das ich bis zu der Zeit im Glas hatte.
Spanne: 84-94. Rundendurchschnitt 91.6 P. Von mir 93P
12. Domaine de la Charbonnière, C9 du Pape (Pirat), 2001, 90-92 PP
Dieser C9duPape war in der Nase noch deutlich primärfruchtig mit einer sehr schönen Him- und Walderdbeer-Note, feine Holznuancen, für meinen Gusto noch etwas dropsig vordergründig. Am Gaumen dicht, schön strukturiert mit knackiger Säure. Braucht m.E. noch Zeit. Im Vergleich zu Torbrecks Juveniles (2001) wirkte er nicht so komplex.
Spanne: 89-94P. Rundendurchschnitt: 90.7. Von mir 90+ P
Flight 5:
Shiraz reinsortig im Vergleich aus McLaren Vale und Barossa
13. Mitolo, GAM, Shiraz, 2003 (96-100PP), McLaren Vale
Wow! Das bloße Einschenken des Weines ließ die Herzen einiger Weinfreunde am Tisch zur vorgerückten Stunde noch mal deutlich höher schlagen. Er sorgte für den fälligen Wake-Up-Call. Dichter, großer Stoff bahnt sich den Weg ins Glas.
In der Nase konzentriertes blau- und schwarzbeeriges Frucht-Potpourri verwoben mit Lakritz, Zedernholz, Tabak, erdig-brombeerigen Noten, etwas Schokolade, Mocca. Konzentriert am Gaumen, mit seidiger, eleganter Struktur, blau- und schwarzbeerige Frucht. Dafür, dass der Wein noch so jung ist wirken die feinen Tannine und alles andere schon wunderbar eingebunden, fast schon reif mit harmonischer Säure. Unglaublicher lang anhaltender Abgang.
Der Wein besticht auch mit seiner phänomenalen Länge. Sicherlich kein Wein, den man alleine an einem Abend so runter schlabbert, aber großer, dichter Stoff, der jetzt schon sehr zugänglich ist, aber wohlmöglich erst in Jahren zum ganz großen Auftritt ansetzen wird. Einige wollten eine Parallele zum Grange sehen. Mich erinnerte er am ehesten noch - wenn überhaupt – an den bei unserer Wiesbadener Australienprobe beeindruckenden Hanisch-Shiraz von Veritas (ohne, dass er jedoch diese ausgefeilte Persönlichkeit (schon) hätte).
Robert Parker: Wine Advocate #155 (Okt. 04): "...". This complex 2003 comes across as a hypothetical blend of a great La Mission-Haut-Brion from Bordeaux and a Rhone Valley Hermitage such as Chapoutier's Pavillon. Everything is seamlessly integrated into this tour de force in winemaking. It should age for 10-15+ years.96-100/100 Punkte
Spanne: 94-97P. Rundendurchschnitt: 95.0 Von mir: 96+
Und weil es so schön war, kam jetzt der Doppelschlag. Gut, dass der Mitolo vorweg kam und somit die Geschmackspapillen nicht (kork-)verseucht waren.
14. Haan, Shiraz Reserve Prestige, 1998, Barossa Valley, 92 PP; Hallidays 95 P
Auch hier wieder: die opulente, dichte Frucht hat den Kork zunächst überdeckt, dann ziemlich eindeutig. Keine Wertung. Schade, sollte mit seiner Preisrange unter 25€ die Großen in diesem Shiraz-Flight ärgern.
15. Penfolds, St. Henri, Shiraz, 1996, 95 P Jeremy Oliver, The Australian Wine Annual
Muffton, für einige Kork. Ein Jammer! Dieser in guten Jahren als kleiner Grange bezeichnete Penfolds sollte nochmal eins drauf setzen. Nach dem 1990 Gaja Sperrs, dem (u.a.) 82er Chateaux Margaux der dritte nominelle Highlight-Wein einer Probe mit Kork innerhalb der letzten 6 Wochen. Die nächsten beiden Weine ließen dies jedoch schnell wieder vergessen.
16. Greenock Creek, Seven Acre Shiraz, 1998 (92PP), 99PP (für 2002), Barossa
Diese kleine Boutique-Winery ist ein weiteres Beispiel für handwerklich gemachte Weine mit großer Persönlichkeit, die in den gelungensten Jahrgängen zu Parkers 99-100 Punkte-Kandidaten (vor allem der Roennefeld Road Cabernet S.) gehören und immer ausverkauft sind.
Ein wunderschönes, exotisch anmutendes Kleinod im Barossa Valley, in dem nur sehr kleine Mengen erzeugt werden.
Spanne: 89-94. Rundendurchschnitt: 92.5 P Von mir: 94 P
17. Fox Creek JSM (Shiraz, CF) 1998, McLaren Vale (95PP)
Der letzte Wein des Abends zeigte nochmal eine solitäre Leistung. Als Shiraz-Cabernet Franc-Blend habe ich ihn bewusst als letzten Wein gebracht. Er unterschied sich durch seine Eleganz deutlich von den reinen, extraktreichen Barossa-Shiraz. Deutlich kühler, mit der typischen 98er Fox-Creek-Konzentration- und Struktur, insgesamt aber eleganter, seidiger, straffer und fokussierter in der Struktur. Mit der Erfahrung der letzten Probe, wo der Wein mich mit einer (weil spontan entschieden) kurzen Dekantierzeit, nicht völlig überzeugen konnte, habe ich diesen Wein vor dem Doppel-Dekantieren viel Luft in der Karaffe gegönnt, was ihm sichtlich gut getan hat. Der zweite Fox Creek, der richtig viel Spaß macht.
Spanne: 91-96P. Rundendurchscnitt: 93.7P Von mir: 96P
Der Vergleich ging zugunsten von McLaren Vale aus, allerdings waren die Barossianer ziemlich dezimiert und ich kann mir gut vorstellen, dass der St. Henri (allerdings als Multi-District-Blend) als auch der Haan Shiraz hier noch ein gewaltiges Wörtchen mit geredet hätten (hinter dem Muffton vermuteten ja einige Vielversprechendes).
So long, guys. Hat richtig Spaß mit euch gemacht, tolle Runde! Und jetzt kann der Frühling kommen ...
Gruß
wie einige von euch wissen und in diversen Verkostungen eindrucksvoll erfahren durften, kann Australien alles andere als fett, marmeladig oder mainstreamig sein. Im Gegenteil: die großen Weine sind ausdrucksstark, verfügen über eine eigene Persönlichkeit und bescheren dem geneigten Weinfreund unvergesslichen Genuss für nicht selten vergleichsweise (!) zivile Preise. Klar, die Unikate wie der Grange, Astralis & Co sind nicht nur interntaional Spitze bei der Qulaität, sondern auch beim Preis, wenn auch meines Erachtens zurecht aus berufenem Munde darauf hingewiesen wird, dass vergleichbare Qualitäten mit Kultstatus beispielsweise aus dem Bordeaux, Burgund oder sonstwo noch höhere Preise erzielen, nicht wahr freak?
Doch hier soll es auch und gerade um Weine aus dem unteren und mittleren Preissegment gehen. Hier gibt es unzählige Namen, die für wenig Geld viel Trinkspaß bieten, wie kürzlich wieder in meiner "Down Anders-Probe" gesehen. Da gab es eine Reihe von Weinen, die ohne Probleme auf einen Rundendurchschnitt von 90+ kommen im Preisbereich von 10-20€. Auch hierzu soll dieser Thread animieren.
Um den Anfang zu machen, stelle ich das Protokoll einer kürzlich von mir durchgeführten Verkostung in Mainz sowie iner Verkostung in Wiesbaden, die Klaus und ich ausgreichtet haben. Viel Spaß beim Lesen.
Rhein-Main-Stammtisch: Thema Australien stars light
Mit einigen australischen „Granaten“ haben wir am Freitag Abend in einer äußerst angenehmen, in dieser Konstellation bisher einmaligen Gruppe (wein+-Stammtischler und Tawler gemeinsam) dem Winter ein Schnäppchen geschlagen und ihn mit einigen „Raketen“ endgültig vertrieben. Der kalten Jahreszeit zum Trotz konnten wir uns an einige herausragende Weine mit verschwenderischen Bouquets mit reifer Frucht, viel Würze, phänomenaler Dichte und Konzentration bei gleichzeitiger Harmonie und nicht selten Eleganz erwärmen und erfreuen.
Da viele Aussie-Weine unfiltriert abgefüllt werden, wurden alle Weine 3 Tage vor der Probe aufrecht gestellt und am Tag der Probe zwischen 16-17.30 Uhr doppelt dekantiert. Außer den beiden Rieslingen wurden alle Weine blind verkostet und nach jedem Flight aufgedeckt. Vorgesehen waren 8 Zweier-Flights mit unterschiedlichen Rebsorten und Blends. Ein Wein wurde aus gutem Grund „stand alone“ verkostet.
Es zeigte sich, dass Australier auch mit weniger Budget zu großen Taten schreiten und auch aus der zweiten und dritten Reihe großen Genuss bieten können.
Und hier die Ergebnisse einer Verkostung, die bei einigen Australien-Neulingen für große Überraschungen und Freude gesorgt hat.
Flight 0: Rieslinge im Vergleich
Stilistik und Alterungsfähigkeit von australischen Rieslingen kennenlernen
[b]1. Grosset, Polish Hill, 2001 Clare Valley - 94 P (Australian Wine companion, James Halliday)
Jeremy Oliver, Australian Wine Annual 96 P[/b]
2. Peter Lehmann, Reserve Riesling, 1997, Eden Valley - 95 P, The Australian Wine Annual, Jeremy Oliver; James Halliday 95 P; “Best Riesling of the World”, International wine and spirit competition 2002, London
Mit den beiden Rieslingen taten sich einige doch ziemlich schwer, ist es doch eine Stilistik, die hierzulande offenbar wenig Freunde unter den Rieslings-Fans findet. Die Weine schmecken komplett durchgegoren (kein Zuckerschwänzchen), mit ziemlicher straffer Struktur, dicht, mit viel Zitrusfrüchten und eine aus meiner Sicht gewaltigen, „steinigen“ Mineralität. Es sind eher Essensweine, die als „stand alone“ herausfordern und den Gaumen bei soviel „trockenem Zitrus und Grapefruit“ auch anstrengen können. Vor Ort habe ich diese Weine vor allem als Begleiter von Meeresfrüchten zu schätzen gelernt.
Da es in erster Linie ums Kennenlernen dieser Stilistik ging, beschränke ich mich auf die Angabe der divergierenden Wertungen zwischen 81-92P.
Ich sah den Polish Hill bei 91 und den 1997er Reserve von Peter Lehmann bei 92 P. Eine gute VKN zum Polish Hill ist beim weinreporter zu finden.
Flight 1: Merlot im Vergleich
3. Southern Ridge, Merlot 2001
Der als einfacher, Spaß machender Tischwein gedachte Merlot, obgleich anfangs noch etwas zu, hatte im Glas deutlich geschwächelt und ging vollends ein – Keine Wertung, für einige bei 85 P.
4. Pikes, Merlot Reserve, 1998
Schöner Merlot, der genau auf dem Punkt war. Erinnerte ein wenig an Pomerol, sehr kühl, dunkle Aromen, erdig, etwas Brombeere. Weich im Ansatz, fast schon etwas seidig mit guter Tiefe und Struktur. Jetzt schön zu trinken, dürfte sich wegen der durchaus festen Tanninstruktur noch eine Weile auf diesem Niveau halten
Spanne: 84-92P Rundendurchschnitt: 88.5P. Von mir: 90P
Flight 3: Cabernet Sauvignon reinsortig und als bordelaiser blend im Vergleich
5. Orlando, Cabernet Sauvignon Reserve “St. Hugo”, Connavarra, 2001
90 P Jeremy Oliver
Gute Rebsortentypizität, als Cabernet gut erkennbar mit schöner Cassis-Note, würzig am Gaumen mit Tabak, etwas Ziggarenkiste, mittlerer Körper, alles schon recht gut eingebunden, befindet sich dennoch vermutlich erst am Anfang seiner Trinkreife; für viele als klassischer Australier nicht erkennbar. Sollte zeigen, dass auch die Weinimperien (u.a. bekannt durch die Jacobs Creek-Linie) im gehobenen Bereich "anspruchsvollere" Weine machen können.
Spanne: 84-90 Rundendurchschnitt: 87,5 P. Von mir: 89P
6. Warrenmang, Cabernet Sauvignon, Victoria, Pyrennes, 2000
Zunächst dichte Nase mit viel roten und schwarzen Beeren, danach machte sich ein leichter Muffton bemerkbar, der sich zunehmend verstärkte; andere wiederum fanden ihn OK, dann aber insgesamt doch ziemlich einheitlich nicht gewertet.
7. Xanadu, Lagan Estate Reserve, Margaret River, 1998 - 89P Wine Enthusiast
Gegenüber dem d’Arenberg für mich recht klar als Bordeaux-Blend erkennbar. In der Nase zurückhaltender Duft nach roten Beeren (in der Nachverkostung Kirschlikör), Cassis, ätherischen Noten, etwas Eukalyptus, Veilchen, Minze (Einige assoziierten After-Eight) und mit einer ganz leichten Leder- und Animal-Note. Ganz und gar nicht australisch wirkend. Könnte ich mir gut als Bordeaux-Pirat vorstellen. Am Gaumen recht kühl wirkend, kernig, solide, auch erdige Noten, noch etwas straffe Säure, wirkt dadurch noch frisch und jung. Braucht noch Zeit.
Spanne: 87-92. Rundendurchschnitt: 88.7 P . Von mir 90+ P
8.d’Arenberg, The Coppemine Road, 1997 McLaren Vale, 92PP, 90 Jeremy Oliver
Intensive, komplexe Nase nach reifem Cassis, leicht eingekochte Schwarzbeeren, Eukalyptus, auch leicht erdig-würzige Noten. Am Gaumen dicht, tief, kühl wirkend mit ätherischen Noten, fester, schon gut eingebundener Tanninstruktur, knackiger Säure; gute Länge mit leichten Medizinal-Noten. Trotz kühler Noten eher „warmer Aussie-Style-Typ“, der noch zulegen kann. Schöner Kontrast zu dem deutlich kernigeren, "cool climate" Lagan Estate von Xanadu.
Beide Weine passten hervorragend zum Rumsteak.
Spanne: 89-94P, von mir 92P, Rundendurchschnitt: 91.7
Flight 4: Grenache und seine Blends
Diese klassische Rhone-Blends sind gerade im Barossa sehr beliebt. Sie ergeben oft sehr pfeffrig-würzige Weine mit Himbeer- und Kräuternuancen ("very spicy" ist ein oft zu lesendes Attribut in den australischen Weinführern).
Hier ging es zum einen um das kennenlernen der “australischen Variante“ sowie das Erkennen des Pirats aus dem C9duPape. Um es vorweg zu nehmen: außer den beiden Eingeweihten hat niemand den Pirat als solchen erkannt. Ein Südfrankreich-Spezialist war der festen Überzeugung, dass Torbrecks Juveniles der Pirat und der Domaine de la Charbonnière ganz klar “australisch“ sei. Kein Wunder, gehört doch Torbreck zur Spitze des australischen Weinbaus mit seinen bis zu 150 Jahre alten unbewässerten (wurzelechten)Reben („old dry vines“) und mit Charles Melton zu den Pionieren des Barossian “Rhone-Style“ (sein regelmäßiger 99-100PP-Kandidat „Run Rig“ besteht aus Shiraz und Viognier)
9. Pikes, Grenache/Shiraz/Mourvedre 2000, Clare Valley
Komplexe Nase nach Himbeeren, Kirschen und etwas Kräuter. Am Gaumen würzig, rotbeerig, eher elegant, mittlerer Köper, körnige Tanninstruktur, sehr ausbalanciert, macht ungemein Spaß. Für 10-15€ ein anspruchsvoller Every-Day-Wine.
Spanne: 86-93P. Rundendurchschnitt: 90P. Von mir 90P
10. Fox Creek, Grenache/Shiraz, 1999 McLaren Vale
Hier habe ich mir kaum Notizen gemacht, außer, dass ich ihn schweinlecker, total elegant, subtil und trotz aller Dichte sehr kühl in Erinnerung habe. War ein schöner Kontrast zu dem eher expressiven, frucht- und Würzbetonteren Vorgänger. Der erste Fox Creek-Wein, der mir bisher auf den Punkt begegnet ist, alles andere war idR noch zu jung und/oder brauchte mehr Luft. Mehr dazu weiter unten.
Spanne: 88-95 Rundendurschnitt: 91.5 Von mir 92P
11. Torbreck, Juveniles (Grenache/Shiraz/Mourvedre), 2001, Barossa Valley
Torbreck wie immer eine Bank. Nur einer sah in deutlich niedriger als der Durchschnitt, daher die große Spanne. Für mich gehört Torbreck zu den besten Winzern, die ich vor Ort aufgesucht habe. Seine handwerklich gemachten Weine bestechen durch phänomenale Dichte, sind tief strukturiert, sehr ausgewogen, komplex in der Nase sowie am Gaumen. Sie sind mächtig und dennoch nuanciert und bringen viel Persönlichkeit ins Glas. David Powell, ein Bär von Mensch und ehemaliger Lumberjack in den schottischen Bergen, hat in verschiedenen Chateaux in Frankreich und in der Toscana Erfahrungen gesammelt. Sein 2001er und 2002er Run Rig waren für mich so ziemlich das non-plus-ultra, das ich bis zu der Zeit im Glas hatte.
Spanne: 84-94. Rundendurchschnitt 91.6 P. Von mir 93P
12. Domaine de la Charbonnière, C9 du Pape (Pirat), 2001, 90-92 PP
Dieser C9duPape war in der Nase noch deutlich primärfruchtig mit einer sehr schönen Him- und Walderdbeer-Note, feine Holznuancen, für meinen Gusto noch etwas dropsig vordergründig. Am Gaumen dicht, schön strukturiert mit knackiger Säure. Braucht m.E. noch Zeit. Im Vergleich zu Torbrecks Juveniles (2001) wirkte er nicht so komplex.
Spanne: 89-94P. Rundendurchschnitt: 90.7. Von mir 90+ P
Flight 5:
Shiraz reinsortig im Vergleich aus McLaren Vale und Barossa
13. Mitolo, GAM, Shiraz, 2003 (96-100PP), McLaren Vale
Wow! Das bloße Einschenken des Weines ließ die Herzen einiger Weinfreunde am Tisch zur vorgerückten Stunde noch mal deutlich höher schlagen. Er sorgte für den fälligen Wake-Up-Call. Dichter, großer Stoff bahnt sich den Weg ins Glas.
In der Nase konzentriertes blau- und schwarzbeeriges Frucht-Potpourri verwoben mit Lakritz, Zedernholz, Tabak, erdig-brombeerigen Noten, etwas Schokolade, Mocca. Konzentriert am Gaumen, mit seidiger, eleganter Struktur, blau- und schwarzbeerige Frucht. Dafür, dass der Wein noch so jung ist wirken die feinen Tannine und alles andere schon wunderbar eingebunden, fast schon reif mit harmonischer Säure. Unglaublicher lang anhaltender Abgang.
Der Wein besticht auch mit seiner phänomenalen Länge. Sicherlich kein Wein, den man alleine an einem Abend so runter schlabbert, aber großer, dichter Stoff, der jetzt schon sehr zugänglich ist, aber wohlmöglich erst in Jahren zum ganz großen Auftritt ansetzen wird. Einige wollten eine Parallele zum Grange sehen. Mich erinnerte er am ehesten noch - wenn überhaupt – an den bei unserer Wiesbadener Australienprobe beeindruckenden Hanisch-Shiraz von Veritas (ohne, dass er jedoch diese ausgefeilte Persönlichkeit (schon) hätte).
Robert Parker: Wine Advocate #155 (Okt. 04): "...". This complex 2003 comes across as a hypothetical blend of a great La Mission-Haut-Brion from Bordeaux and a Rhone Valley Hermitage such as Chapoutier's Pavillon. Everything is seamlessly integrated into this tour de force in winemaking. It should age for 10-15+ years.96-100/100 Punkte
Spanne: 94-97P. Rundendurchschnitt: 95.0 Von mir: 96+
Und weil es so schön war, kam jetzt der Doppelschlag. Gut, dass der Mitolo vorweg kam und somit die Geschmackspapillen nicht (kork-)verseucht waren.
14. Haan, Shiraz Reserve Prestige, 1998, Barossa Valley, 92 PP; Hallidays 95 P
Auch hier wieder: die opulente, dichte Frucht hat den Kork zunächst überdeckt, dann ziemlich eindeutig. Keine Wertung. Schade, sollte mit seiner Preisrange unter 25€ die Großen in diesem Shiraz-Flight ärgern.
15. Penfolds, St. Henri, Shiraz, 1996, 95 P Jeremy Oliver, The Australian Wine Annual
Muffton, für einige Kork. Ein Jammer! Dieser in guten Jahren als kleiner Grange bezeichnete Penfolds sollte nochmal eins drauf setzen. Nach dem 1990 Gaja Sperrs, dem (u.a.) 82er Chateaux Margaux der dritte nominelle Highlight-Wein einer Probe mit Kork innerhalb der letzten 6 Wochen. Die nächsten beiden Weine ließen dies jedoch schnell wieder vergessen.
16. Greenock Creek, Seven Acre Shiraz, 1998 (92PP), 99PP (für 2002), Barossa
Diese kleine Boutique-Winery ist ein weiteres Beispiel für handwerklich gemachte Weine mit großer Persönlichkeit, die in den gelungensten Jahrgängen zu Parkers 99-100 Punkte-Kandidaten (vor allem der Roennefeld Road Cabernet S.) gehören und immer ausverkauft sind.
Ein wunderschönes, exotisch anmutendes Kleinod im Barossa Valley, in dem nur sehr kleine Mengen erzeugt werden.
Spanne: 89-94. Rundendurchschnitt: 92.5 P Von mir: 94 P
17. Fox Creek JSM (Shiraz, CF) 1998, McLaren Vale (95PP)
Der letzte Wein des Abends zeigte nochmal eine solitäre Leistung. Als Shiraz-Cabernet Franc-Blend habe ich ihn bewusst als letzten Wein gebracht. Er unterschied sich durch seine Eleganz deutlich von den reinen, extraktreichen Barossa-Shiraz. Deutlich kühler, mit der typischen 98er Fox-Creek-Konzentration- und Struktur, insgesamt aber eleganter, seidiger, straffer und fokussierter in der Struktur. Mit der Erfahrung der letzten Probe, wo der Wein mich mit einer (weil spontan entschieden) kurzen Dekantierzeit, nicht völlig überzeugen konnte, habe ich diesen Wein vor dem Doppel-Dekantieren viel Luft in der Karaffe gegönnt, was ihm sichtlich gut getan hat. Der zweite Fox Creek, der richtig viel Spaß macht.
Spanne: 91-96P. Rundendurchscnitt: 93.7P Von mir: 96P
Der Vergleich ging zugunsten von McLaren Vale aus, allerdings waren die Barossianer ziemlich dezimiert und ich kann mir gut vorstellen, dass der St. Henri (allerdings als Multi-District-Blend) als auch der Haan Shiraz hier noch ein gewaltiges Wörtchen mit geredet hätten (hinter dem Muffton vermuteten ja einige Vielversprechendes).
So long, guys. Hat richtig Spaß mit euch gemacht, tolle Runde! Und jetzt kann der Frühling kommen ...
Gruß
und dazu wäre denkbar ein Duck Muck von Wild Duck Creek Estate. 


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