So!
Bin gestern von einer Sherry-Reise zurück, in einer Woche 20 Bodegas. Es mag zwar Leute geben, die mehr über Sherry wissen als ich, aber ich weiss jetzt viel, viel mehr darüber als ich je vor hatte zu wissen.
Wusstet ihr, dass es in jerez eine eigene Hunderasse gibt (Bodegaro) die gezüchtet wurde, um in den Bodagas (Kellern) die Ratten zu jagen? Übrigens kein Touristenlegende.
Dass das Terroir im Jerez die Bodega ist? Dass es in den Bodegas in Sanlucar zum Teil übel nach Schweinestall stinkt? Dass Fino und Manzanilla schon nach 6 Monaten in der Flasche schlaff werden? Obwohl sie bis zu 8 Jahren in kleinen Fässern rumschmoddern? Und direkt aus diesen Fässern unglaublich frisch, lecker, komplex und einzigartig schmecken?
Die zweite schöne Seite der jerez-weine sind die trockenen ohne Flor, Amontillado, Palo Cortado und Oloroso, in aufsteigeder Kraft. Schwer oxidiert, steckende Nase nach Uhu und sogar Essig, am Gaumen pikant bis scharf, null Süße, Alkohol ohne Ende (bis 22 %) und doch meist nicht brandig, sondern voller Geschmack, Würze, Salz, Gylzerin und so lang wie kein anderer Weintyp auf Erden. Noch heftiger sind die "alten" Weine, VOS und VORS, an der Grenze der Trinkbarkeit. Am schlimmsten war ein jahrgangswein von 1957 von Williams & Humbert.
Die mittelsüßen Creams, Mediums etc können mir gestohlen bleiben (mit Ausnahmen). Aber die richtig fett süßen Pedro Ximenez können schön sein.
Die Vorstellung von der Farbe der Sherries sind so festgefahren, dass Finos und Manzanillas meist mit Aktivkohle aufgehellt (obwohl jeder Hersteller sagt, es würde schaden) und andererseits Olorosos und Pedro Ximenez mit "Vino de Color" eingedunkelt werden.
Ich hatte übrigens die Ehre vino de color, konzentrierten Traubensaft (wird zum Süßen genommen) und den Alkohol mit dem aufgespritet wird zu probieren.
Fortsetzung folgt.
Charlie
Hallo Charlie
Hast du den Bodegaro in Francesco Zimmer vergessen oder ist mit dir nach Deutschland geflogen?
Grusse Max
Und nun grob zu den einzelnen Bodegas:
Domecq (Jerez) - Gross, alt, profesionell und etwas steifer Umgang. Die Weine sind alle sehr schön und reintönig. Die Oxidativen sind weniger Uhu- und Essiglastig und auch weniger scharf als bei den meisten anderen. Sie sind beeindruckende Essensbegleiter, wie etwa der trockene Oloroso mit geschmoter Schweinsbacke. Der Palo Cortado "Capuchino" ist einer der besten Sherries die ich kenne.
Gonzales-Byass (Jerez): Ein Koloss; die mit dem Fino "Tio Pepe". Leider konnte ich die alten Weine nicht probieren. Die normale Serie ist ordentlich.
Romate (Jerez): Hier wird ein relativ fester, kräftiger Stil gepflegt, schärfer und mit etwas mehr Stinker als bei Domecq. Für mich eine der besseren Bodegas. Erhellend eine Vergleichsprobe zwischen unfiltrierten Weinen direkt aus dem Fass und den filtrierten abgefüllten Weinen. Meist war der unfiltrierte frischer, üppiger, kräftiger, komplexer, auch stinkiger.
Tradicion (Jerez): Neugründung, relativ klein, kein Fino, kauft schon gereifte Weine und verschönert sie in der eigenen Criadera. Alle Weine sehr reintönig, pikant ohne scharf zu sein. Ein puristischer Stil. Ziemlich teuer.
Alvaro Domecq (Jerez) Hier hat es mir weniger gut gefallen. Der Fino ist gut aber einfach, die Oxidierten aber ziemlich scharf und voller Uhu- und Essignoten.
Garvey (Jerez) Stilistisch nicht einheitlich. Viel Uhu und zum Teil scharf, der Fino etwas wässrig. Oloroso VOS und PX VORS aber hervorragend.
Maestro Sierra (Jerez) kleine, sehr traditionelle Bodega, eher hochpreisig. Der Stil hat mir gut gefallen. Fino einer der besten, Amontillado Viejo voller Karft und Eleganz. Eine Spezialität der ungesprite PX, herrlich, richtig "tiefe" Nase.
Valdivia (Jerez) Eher einfache Weine. Nur die 3 alten "Sacromonte" (Amontillado, Oloroso und PX) tun sich hervor.
Estevez (Jerez) ein richtiges Imperium mit den beiden Marken "Real Tesoro" und "Valdespino". Die einfachen Serien von beiden sind auch einfach. Bei den Edelserien und noch mehr bei VOS und VORS geht es dann aber richtig los mit der Qualität. Etwa beim Oloroso VOS "Don Gonzalo" von Valdespino. Hier haben wir auch die serie "de Bandera" von Gil Luque probiert. Besser geht's kaum im Sherry!
Lustau (Jerez) Grosses, altes Haus mit nicht wirklich spannenden Weinen. Sie füllen sogennate "Almacenista-Weine" ab. Das sind Sherrries, die von kleineren Betrieben ausgebaut wurden.
Osborne (El Puerto de Sta. María) Das sind die mit dem Stier. Gute Finos mit viel Geschmack.
Colosia (El Puerto de Sta. María) Kleiner Familienbetrieb mit eigenwilligen, sehr guten Weinen. Auffallend die eher verhaltenen, kühlen Nasen.
Barbadillo (Sanlucar) Leicht wässrige Manzanillas, die Oxidativen
acuh nicht sehr spannend, VORS sehr gut, mit verhaltenen Nasen und ungewöhnlicher Adstringenz.
Argüeso (Sanlucar) Die stinkigste Bodega, Schweinestall pur! Spannende, eigenwillig-pikante Manzanillas. Der Rest nicht ganz reintönig.
Emilio Hidalgo (Jerez) relativ klein. Klarer, eleganter, nicht sehr spannender Stil. Einer der besten Pedro Ximenez.
Williams & Humbert (Jerez) Gross und trotzdem sehr gut und eigenwillig.
PS an Max: der Bodegaro hat Egon Müllers Gänse gefressen.
Moin Charlie,
ich freue mich auf die Fortsetzungen und danke im Voraus. Auf deine Fragen kann ich wohl durchgehend mit nein antworten. Auch wenn ich mir immer mal wieder vornehme, Sherries zu probieren, bleibt's fast durchweg beim Vorsatz. Von weinplus gab's ja jetzt zwei Fl. im Monatspaket, da hilft dann keine Ausrede mehr.
Interessant finde ich vor allem Deine Ausführungen zur Behandlung der Weine und dem schnellen Verfall nach Flaschenfüllung. Gilt dies generell? Habe ich es so zu verstehen, daß der Verfall eintritt, egal wo die Flaschen stehen oder liegen? Dann wäre ja kaum eine Möglichkeit, in D einen frischen Sherry zu erstehen oder es müßten Abfülldaten auf den Flaschen angegeben sein.
Schöne Grüße
Wolfgang
Charlie,
spannend! Weiter!
Wolfgang,
Zitat:Dann wäre ja kaum eine Möglichkeit, in D einen frischen Sherry zu erstehen oder es müßten Abfülldaten auf den Flaschen angegeben sein.
Doch und ja. Gute Haendler sorgen fuer hinreichend schnellen Warenumschlag - dass Sherry kaum mehr getrunken wird, hilft dabei leider nicht -, und viele Erzeuger geben mittlerweile das Fuelldatum an (bei ebay aufpassen und ggf. anfragen!).
Wobei ich mit der Haltbarkeit sowohl der ungeoeffneten als auch der angebrochenen Flasche geschmischte Erfahrungen gemacht habe. Von "Katastrophe" bis "hey, gut gehalten" war alles dabei.
Cheers,
Ollie
Zu Haltbarkeit:
Es gilt nur für Finos und Manzanillas. Diese Weine reifen unter reduktiven Bedingungen unter dem Flor. Schon Filtrieren und Abfüllen schadet der Frische. das problem ist in Sherry bekannt. Einige Hersteller schimpfen über unwissende Händler und Konsumenten. Andere versuchen sich zu helfen, indem sie:
- Aufklären, aufklären, aufkären.
- Abfülldatum draufschreiben.
- On demand in kleinen Chargen abfüllen und zügig liefern. Das geht ganz gut bei Supermärkten.
- In einen großen Stahltank umfüllen, dort ein paar tage unter Flor wieder reduzieren lassen und direkt von unter dem Flor unter Schutzgas abfüllen. Wurde bei Garvey patentiert.
Grob gesagt ist es ziemlich egal, wie gelagert wird, weil die Oxidation durch die Luft in der Flasche stattfindet. Ich nehme an, dass Kälte und Dunkelheit etwas hilft. Natürlich habe ich gefragt, wieso sie nicht unter Schutzgas direkt aus der Solera filtrieren und abfüllen. Antwort: es wäre zu teuer bei den Preisen und Mengen.
Einige Hersteller meinten, man müsste es wie mit Frischmilch machen: Verfallsdatum und komplette Logistik. Dafür bräuchte man aber das Problembewusstsein. Damit wären wir wieder bei der Aufklärung.
Armin, wie macht ihr das eigentlich mit eueren Barbadillos?
Gruss,
Charlie
Danke Charlie,
Deine Erläuterungen bringen mir Erkenntnisse über Sherry, die ich in Jahren nirgends erhalten habe. Jetzt werde ich darauf mal achten und ggf. nachfragen. Das Problembewußtsein hebst Du mit diesen Beiträgen durchaus an. Ich habe (hoffentlich nicht allein) immer gedacht, daß egal bei welchem Sherry eine gewisse Haltbarkeit, allein schon durch den Alkohol gegeben sei. So sein schneller Zerfall wird sicher von den meisten Konsumenten nicht direkt wahrgenommen, eher wird man - wie ich ja auch - sich vom Produkt insgesamt abwenden.
Danke Ollie für die Ergänzungen. Jetzt muß ich nur noch solche Händler finden. Mit ebay hab' nichts am Hut, es gibt genug andere Möglichkeiten, seine Zeit am PC zu verbringen oder Geld auszugeben ;-).
Grüße
Wolfgang
WoFu schrieb:Ich habe (hoffentlich nicht allein) immer gedacht, daß egal bei welchem Sherry eine gewisse Haltbarkeit, allein schon durch den Alkohol gegeben sei. So sein schneller Zerfall wird sicher von den meisten Konsumenten nicht direkt wahrgenommen, eher wird man - wie ich ja auch - sich vom Produkt insgesamt abwenden.
Stimmt, denn es ist ja auch kein Zerfall sondern das Verschwinden von Frische und ein paar typischen (und sehr leckeren) Aromen. Die Weine schmecken nicht verdorben, hinüber, oder sonstwie kaputt, nichtmal oxidiert. Schliesslich werden Amontillados, Olorosos und Palo Cortados absichtlich oxidiert. Beim Amontillado ist es meist so, dass der Flor absichtlich abgetötet wird und der Wein vor sich hin oxidiert. es entsteht also ein kontrolliert oxidierter Fino. Einem Amontillado sollte man das auch anmerken.
Übrigens: die Leute sind dort besonders Stolz aus einer einzigen Rebsorte soviele unterschiedliche Weine hinzukriegen. Wenn die wüßten, was ein deutscher Winzer von 3 ha Riesling alles macht ...
Gruss, Charlie
Habe nun alle meine VKNs in die Datenbank gehackt:
http://www.ats-vienna.com/vkn/vkn_liste....he+starten
Es fehlen die vielen Fassproben, die Brandys und Essige. Warum?
Die Fassproben sind zwar sehr interessant, weil man dabei jedes Entwicklungsstadium beobachten kann. Durch das Solera-System hat man die Dimension Zeit in die Dimesion Fass transformiert (heisst das mathematisch so?). Ausserdem schmecken Fassproben aus der Solera (also dort, wo man abzapft) meist besser als aus der Flasche. Da man Fassproben aber nicht kaufen kann, habe ich es gelassen.
Die Brandys haben mir überhaupt nicht gefalllen und viele habe ich dann auch gar nicht mehr probiert. Sie riechen und schmecken süß, holzig, karamellig und brennen dann doch. Einmal im Jahr zur Romeo y Julieta bei meinem Freund Thomas reichen mir.
Die Essige sind wirklich gut und ich werde mir mal einen zulegen. Aber so weit geht meine Liebe nun doch nicht. Übrigens: im Sherry hat man wegen des hohen Alkohols kein Problem, Essig und Wein auf dem gleichen Hof (nicht im gleichen Raum aber) reifen zu lassen.
Essig und Brandy werden auch nach dem Solera-Verfahren hergestellt.
Gruss, Charlie
Wow Charlie,
welche Menge, vielen Dank für die Verkostung und das Berichten. Ich hab mir erstmal den Link gemerkt, da braucht man ja schon richtig Zeit zum Durchschauen.
Grüße
Wolfgang